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Freimaurerische Identität
Versuch über das Selbstverständnis des Freimaurerbundes
in der Gegenwartsgesellschaft

Hans-Hermann Höhmann

Als Kernaufgabe des Freimaurerbundes in der Gegenwartsgesellschaft kann die Suche nach einer unverwechselbaren, kraftvollen freimaurerischen Identität verstanden werden. Hinter dieser Feststellung steht die – teils gefühlte, teils bewusst gemachte – Einsicht, dass Freimaurerei ohne Wissen darum, was sie ist und sein kann, sowie ohne immer neue Versuche, den Möglichkeiten der Freimaurerei durch Wirken innerhalb der Logen und nach außen, d.h. in die Gesellschaft hinein, gerecht zu werden, auf Dauer nicht bestehen kann. Meistens beruft sich die Freimaurerei auf ihre Geschichte, wobei das aus heutiger Sicht Positive der Vergangenheit, insbesondere der um die Begriffe Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Toleranz kreisende Wertekanon des Bundes, in aller Regel in den Vordergrund gerückt wird, während negative und diffuse Erscheinungsbilder verschwiegen oder verdrängt werden. Ein ethischer Bund, der sich selbst ernst nimmt und der von der Gesellschaft ernstgenommen werden will, darf jedoch nicht so verfahren. Er muss sich Gedanken über sich selbst machen und sich in seiner Selbstreflexion von den hohen Maßstäben leiten lassen, die er für sich selbst beansprucht, kurz : er muss sich auf die Tragfähigkeit seiner Identität in Konzeption und Wirklichkeit befragen lassen.

Einige Überlegungen zur freimaurerischen Identität sollen im folgenden zur Diskussion gestellt werden.

Nach Identität als einem selbstbewussten Einssein mit sich selber kann sowohl für den einzel-nen Freimaurer als auch für die verschiedenen freimaurerischen Gruppen (Logen, Großloge, Leitungs-gremien etc.) gefragt werden. Was zunächst die individuelle freimaurerische Identi-tät betrifft, so hat ein Freimaurer als Maurer („by his tenure“, wie die Alten Pflichten sagen) unabhängig von seinen indivi-duellen Wertvorstellungen und seinem spezifischen Selbstverständnis als Mensch, Mann, Berufstätiger, gläubiger oder nichtgläubiger Mensch etc. dann Identität, wenn er überzeugend, fundiert, redlich und erkennbar hinter seinen freimaureri-schen Vorstellungen steht und wenn sich seine freimaurerischen Auffassungen auch im Alltag bewähren. Je größer die Zahl der Brüder mit überzeugender freimaurerischer Identität ist, desto besser lassen sich die Gegenwarts- und Zukunfts-aufgaben des Bundes lösen. Wir alle müssen uns folglich um diese individuelle maurerische Identität bemühen, auch wenn wir immer wieder scheitern und der „Rauhe Stein“ ein treffliches Symbol für uns bleibt. Über die Werkzeuge zur Identitätsfindung verfügen wir in reichen Maß, sei es die tolerante Mitmenschlichkeit in der Loge, sei es der kritisch-selbstkritische Diskurs der Brüder, sei es das Ritual, in dem es ja im Grunde um nichts anderes geht als um Bestimmung, Ein-übung und Verinnerlichung von Identität.

Unter freimaurerischer Gruppenidentität sollen Selbstverständnis und Ausdruck, Konzeptio-nen und Weisen ihrer Umsetzung verstanden werden, wie sie für eine Gruppe von Freimau-rern (Logen, Großloge) in einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort kennzeichnend sind. Wie bei den ein-zelnen Freimaurern gibt es bei freimaurerischen Gruppen solche mit einer starken und solche mit einer schwachen Identität. Die Identität freimaureri-scher Gruppen setzt sich jeweils aus zwei Komponenten zusammen: aus inhaltlichen Elementen wie Zielvorstellungen und Formen (Organisation, Brauchtum und Rituale) sowie aus der Art und Weise, wie diese inhaltlichen Elemente in der Gruppenpraxis umgesetzt werden, d.h. aus der Qualität des Gruppenprozesses. Hier sind menschliche Atmosphäre, in-tellektuelle und emotionale Lebendigkeit, Einsatzbereitschaft, Teamfähigkeit, Diskursqualität, Ausstrahlung (Charisma) etc. wichtige Stichworte.

Beides, Inhalte und Gruppenqualität, muss zusammenkommen. Eine schwache Gruppenidentität (und damit unzureichende Wirkung nach innen und außen) liegt dann vor, wenn sich verschwommene Inhalte mit mäßiger oder keiner Ausstrahlung verbinden; eine starke Gruppenidentität und in-tensive Wirkung nach innen und außen kann dagegen da angenommen werden, wo klare Inhalte und überzeugende Umsetzung vorhanden sind. In der freimaurerischen Diskussion wird im allgemeinen die Notwendigkeit betont, an der Profilierung der konzeptionellen Inhalte der Freimaurerei (Wertvorstellungen, Ziele) zu arbeiten. Auch aus unserer Sicht ist es wichtig, ein konzeptionell klares Bild des Bundes zu entwickeln. Auf der anderen Seite wäre es gefährlich, bei der Formulierung programmatischer Plattformen zu weit zu gehen und der Gefahr einer Ideologisierung zu erliegen. Dies würde intellektuell aufgeschlossene Männer nur abstoßen. Diese kommen ja gerade deshalb zur Freimaurerei, weil wir bei aller Wertgebundenheit geistig offen sind. Wer als geistig offener Mann Kontakt zur Freimaurerei sucht, ist wohl eher an toleranten Such- und Orientierungsprozessen als an verbindlich vorgegebenen Positionen interessiert. Daher ist es so wichtig, jedem Fundamentalismus (auch dem gelegentlich bei uns sichtbar werdenden esoterischen) abzusagen, die Gruppenqualität der Freimau-rerei zu verbessern sowie dafür zu sorgen, dass inhaltliche Abklärungen auf jedes dogmatische Ausformulieren verzichten und sich mit einem hohen menschlichen Niveau sowie mit intellek-tueller Redlichkeit verbinden.

Zur inhaltlichen Bestimmung freimaurerischer Identität wurden von mir einige Eckpunkte herausgearbeitet, die mittlerweile ihren Weg durch die deutsche Bruder-schaft gemacht haben und gern (mit oder ohne Nennung ihrer Herkunft) verwendet werden. Auch die Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer von Deutschland (GL AfuAMvD) macht inzwischen auf ihrer Webseite inzwischen von ihnen Gebrauch.

Mir ging es dabei darum, Anhaltspunkte dafür bestimmen, was Freimaurerei ist, und was sie nicht ist, bzw. nicht sein will. Die einzelnen Charakterisierungen reichen für eine Beschreibung des freimaurerischen

Selbstverständnisses selbstverständlich nicht aus. Sie mögen aber dazu geeignet sein, nach innen und außen klarer zu machen, durch welche unterschiedlichen Erscheinungsweisen und Strukturelemente der Freimaurerbund gekennzeichnet ist und welchen Fehlbeurteilungen und Vorurteilen er ausgesetzt ist.

Was Freimaurerei ist, lässt sich annäherungsweise so beschreiben :

Freimaurerei ist ein Freundschaftsbund :

Über alle weltanschaulichen, politischen, nationalen und sozialen Grenzen hinweg wollen die Logen Menschen miteinander verbinden, die sich nach Herkunft und Interessenlage sonst nicht begegnen würden. Die Freimaurerlogen folgen damit ihrer alten Tradition, Trennendes zu überwinden, Gegensätze abzubauen, Verständigung, Verständnis und Freundschaft fördern sowie der Gefahr einer Isolierung der einzelnen Menschen in der modernen Arbeits- und Freizeitwelt entgegenzuwirken. Durch Offenheit für den Mitmenschen und seine Probleme will der Freimaurerbund nicht nur der Lebensgestaltung seiner Mitglieder dienen, sondern auch ein Modell für Partnerschaft in der Gesellschaft außerhalb der Logen bieten. Dass Freimaurerei bis heute in der Regel ein Männerbund ist – wenn es auch immer mehr Logen freimaurerisch arbeitender Frauen gibt –, ist auf die männerbündische Tradition der Freimaurerei zurückzuführen, soll Homogenität und Identität der Logengruppe festigen und hat keinerlei diskriminierenden Charakter gegenüber Frauen. Auch präsentiert sich Freimaurerei in ihrer heutigen Praxis bewusst als „offener“ Männerbund, der Partnerin, Familie und Freunde weitgehend in das Gemeinschaftsleben der Logen einbezieht.

Freimaurerei ist ein ethisch orientierter Bund :

Der Tradition der europäischen Aufklärung folgend, bekennen sich die Freimaurer zu moralischen Werten und Überzeugungen. Der Freimaurerbund entwickelt zwar kein eigenes ethisches System und versucht schon gar nicht, ethische Überzeugungen in politische Programme zu übertragen. Dennoch gibt die Freimaurerei mit ihren alten Wertpositionen Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Freiheit, Gerechtigkeit und Toleranz Orientierungen und Maßstäbe für das Denken und Handeln ihrer Mitglieder vor. Im Vergleichen von Realität und Wertmaßstab, im gemeinsamen Nachdenken und in kritischer Selbstaufklärung sollen Verhaltensweisen und Umgangsstile eingeübt werden, die ein Umsetzen ethischer Überzeugungen in die Lebenspraxis des einzelnen Freimaurers bewirken. Nichts geht über das „laut denken“ mit einem Freunde - auf diese Formel hat der Freimaurer Lessing eine der zentralen Grundüberzeugungen der Freimaurerei gebracht.

Freimaurerei ist Initiationsgemeinschaft und symbolischer Werkbund :

Zur Festigung der zwischenmenschlichen Bindungen, zur gefühlsmäßigen Vertiefung ethischer Überzeugungen und als Anleitung zur Selbsterkenntnis bedienen sich die Logen alter, aus der Tradition der europäischen Dombau-hütten stammender Symbole und symbolhafter Handlungen (Rituale), in deren Mittelpunkt die feierliche Aufnahme (Initiation) des neuen Mitglieds in die brüderliche Gemeinschaft steht. Die „Entzauberung der Welt“ durch technischen Fortschritt und gesellschaftlichen Wandel sowie die hiervon geprägte Unrast des Alltagslebens bedürfen eines Gegengewichts in Form von Nachdenklichkeit, Ruhe und Gelegenheit zum Sammeln neuer Kräfte. Frei-maurer verschließen sich nicht den modernen Lebens- und Arbeitsformen, zu deren Vermenschlichung sie beitragen wollen. Sie sehen aber in der tätigen Daseinsbewältigung nur eine Seite menschlicher Existenz, die der emotio-nalen Ergänzung bedarf. Im freimaurerischen Brauchtum wird diese Ergänzung vermittelt.

Die Zugänge des einzelnen Freimaurers zu Symbolen und Ritualen können durchaus unterschiedlich sein: Diesen mag vor allem die kontemplative Seite des Brauchtums ansprechen, das Ruhe-Finden, das Zu-sich-Kommen. Jener mag in erster Linie vom esoterischen Gehalt des Brauchtums angezogen werden, vom behutsamen Ansprechen der Beziehungen Mensch-Welt, Mensch-Kosmos, Immanenz-Transzendenz. Ein anderer wiederum schätzt vor allem die ethisch-erzieherische Qualität des Rituals: tauglicher zu werden als moralischer Baustein in seiner ganz konkreten Lebenswelt. Daraus folgt, dass auch im Umgang mit Symbolen und Brauchtum „Offenheit“ eine zentrale Kategorie der Freimaurerei ist.

Die genannten drei konstitutiven Grundelemente der Freimaurerei erfassen gleichermaßen die soziale, intellektuelle, moralische und emotionale Seite des Menschen. Sie können allerdings nur dann nach innen wie nach außen wirksam werden, wenn zwischen ihnen ein ausreichendes Maß an Gleichgewicht und Gleichklang herrscht, d.h. wenn kein Element überbetont oder vernachlässigt wird. Wo das Gewicht zu sehr auf bloße soziale Kommunikation, auf „Gesellschaftsleben“ gelegt wird, droht Abgleiten in Vereinsmeierei und „Event-Geselligkeit“. Wo die Diskussion um Prinzipien oder gar die Suche nach Programmen im Vordergrund steht, wird aus der Loge ein menschlich steriler und bald zerstrittener Debattierklub. Wo der Akzent überwiegend auf das Ritual gesetzt wird, besteht die Gefahr, sich in eine esoterische Sekte zu verwandeln.

Um Fehleinschätzungen und Vorurteilen entgegenzuwirken können die gleichzeitig erforderlichen Abgrenzungen (Freimaurerei ist nicht) wie folgt bestimmt werden:

Freimaurerei ist weder Partei noch Interessenverband :

Logen und Großlogen formulieren keine politischen Programme, nehmen nicht Teil an parteipolitischen Auseinandersetzungen und vertreten nicht die Interessen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen. Dennoch hat die Freimaurerei eine politische Wirkung : Als „Gemeinschaft toleranter Ungleichgesinnter“ leistet sie einen Beitrag zur Überwindung der schädlichen Auswirkungen politischer Konflikte zwischen Menschen, politischen Grup-pen und Nationen, gemäß ihres Bekenntnisses zur Toleranz hilft sie, die politische Kultur um Sinne einer „streitbaren Gesprächsfähigkeit“ zu verbessern, und durch das Erörtern wichtiger Zeitfragen in den Logen trägt sie zur politischen Urteilsbil-dung ihrer Mitglieder bei. Auf der Grundlage persönlicher Überzeugung verantwortlich zu handeln ist dann Aufgabe des einzelnen Freimaurers.

Freimaurerei ist weder Nebenkirche noch Ersatzreligion :

Als diesseitsorientierte Freundschaftsbünde mit primär ethischer Zielsetzung sind Logen und Großlogen keine Religionsge-meinschaften und bieten folg-lich auch keine Ersatzreligionen an. Die Freimaurerei entwickelt keine Theologie und kennt keine Dogmen sowie Sakramente. Allerdings verwenden die Freimaurer Symbole, die dem religiösen Bereich entlehnt sind, wie z.B. das Symbol „Großer Baumeister aller Welten“. Dieses Symbol verkör-pert jedoch keinen eigenen freimau-rerischen Gottesbegriff, den es nicht gibt. Es begründet - wie gelegentlich missverstanden wird - auch keine relativierenden religiösen Minimalanforderung an den Freimaurer. Es ist vielmehr Ausdruck der Überzeugung, dass moralisches Handeln die Anerkennung eines überge-ordneten sinngebenden Prinzips voraussetzt, eines höheren Seins, eines „supreme being“, das Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers letztlich rückbezogen ist. Als umfas-sendes Symbol für Lebenssinn und transzendenten Bezug des Menschen ist es vom einzelnen Freimaurer gemäß seiner eigenen weltanschaulich-religiösen Überzeugung ohne kritische Befragung und ohne jeden Rechtfertigungszwang zu deuten. Der Freimaurer hat sich moralisch, nicht religiös zu verpflichten.

Freimaurerei ist kein Geheimbund und keine Verschwörung :

Der Freimaurerbund und seine Mitglieder bekennen sich zu Demokratie und offener Gesellschaft, zu deren Verwirklichung viele Freimaurer wesentlich beigetragen haben. Zweck, Organisation und Vorstände von Logen und Großlogen sind jedem Interessenten zugänglich. Viele Veranstaltungen der Freimaurer sind heute öffentlich, und die im Auftrag der Großloge herausgegebene Zeitschrift kann auch von Nichtmitgliedern des Bundes bezogen werden. Die von den Freimaurern geübte Verschwiegenheit bezieht sich nur auf einige Einzelheiten des freimaurerischen Brauchtums und ist Symbol für den in jeder Gemeinschaft notwendigen Schutz von Freundschaft und persönlichem Vertrauens. Mit jeder Art von Verschwörung hat Freimaurerei nichts zu tun.

Doch so wichtig wohl überlebte Antworten auf konzeptionelle Fragen auch sind : Es muss immer wieder betont werden, dass für eine weitere gedeihliche Entwicklung der Freimaurerei das stete Bemühen um eine hohe Qualität der freimaurerischen Gruppen mindestens so wichtig ist, wie die Klarheit der Inhalte. Stets müssen wir davon aus-gehen, dass die geistigen Inhalte der Freimaurerei und das rituelle Brauchtum in Überzeugung und Wirkung ganz entscheidend davon abhängen, wie sie von den Freimaurern in den Logen praktiziert werden. Wir müssen weiter feststellen, dass ein großer Teil dessen, was Freimaurerei ausmacht (Geselligkeit, ethische Überzeugungen) auch in anderen Gruppen zu finden ist, das heißt, man sucht es bei uns nur dann, wenn wir in der Praxis der freimaurerischen Gruppen besonders überzeugend sind. Wir sollten darüber hinaus anerkennen, dass selbst das, was spezifisch freimaurerisch ist (vor allem das Ritual), nur überzeugt, wenn es von Freiheit im Zugang und hoher menschlicher Qualität begleitet ist. Schließlich muss beachtet werden, dass die Freimaurerei heutzutage in einer schwierigen Konkurrenz zu einer Fülle von (hochwertigen und weniger hochwertigen, aber dennoch attraktiven) Freizeitangeboten steht, in der wir wiederum nur durch Qualität und Originalität bestehen können.

All das bedeutet, dass wir als Logen und Großlogen keineswegs durch „Freimaurerei an sich“ ausstrahlungskräftig sind, sondern nur durch eine glaubwürdige Umsetzung von Freimaurerei, wozu nicht zuletzt eine überzeugende freimaurerische Individual- und Gruppenidentität gehört. Deshalb müssen wir auf vielen Ebenen arbeiten: an der Qualität unserer Konzepte, an der Qualität der freimaurerischen Gruppen und immer wieder an unserer ganz persönlichen freimaurerischen Integrität und Überzeugungskraft.

Gewiss, die vielfältigen gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozesse der Moderne sowie die daraus hervorgegangenen realen Strukturen der gegenwärtigen Gesellschaft machen der Freimaurerei zu schaffen. Einerlei, welchem der gegenwärtig diskutierten Gesellschaftsmodelle der Vorzug eingeräumt wird, und unabhängig davon, ob sie als Ausdruck der Moderne, einer „anderen Moderne“ (Wilhelm Schmid) oder der „Postmoderne“ gedeutet werden, unverkennbar ist, dass – (so der englische Soziologe Anthony Giddens) – , die neuen Lebensformen den Menschen in beispielloser Weise von allen traditionellen Typen der sozialen Ordnung fortgerissen haben und sich die mit der Moderne einhergehenden Umgestaltungen auf ihn viel tiefer ausgewirkt haben als die meisten der für frühere Perioden charakteristischen Arten des Wandels. Abnehmende Bindungswilligkeit ist eine Konsequenz davon. Das freimaurerische Selbstverständnis versteht die Loge jedoch als Lebensbund und strebt soziale Bindung zumindest auf längere Dauer an. In den modernen westlichen Gesellschaften scheint jedoch das Niveau des Engagements der Bürger in formellen Vereinigungen tendenziell abzunehmen. Ob hieraus auf einen generellen Rückgang sozialer Bindungsfähigkeit geschlossen werden kann oder ob sich lediglich die Formen und Zeitspannen sozialer Einbindung verändern, ist beim gegenwärtigen Stand der sich mit solchen Fragen beschäftigenden Sozialkapitalforschung noch nicht entscheidbar. Jedenfalls scheint evident, dass die formellen Mitgliederzahlen nicht nur für Parteien, Gewerkschaften und Sportvereine rückläufig sind, sondern auch für die Kirchen und andere (traditionelle) religiöse Vereinigungen sowie für die ethisch orientierten Bünde. Auch in der deutschen Freimaurerei sind die Mitgliederzahlen in den letzten Jahrzehnten eher zurückgegangen, und auch international sind (mit der Ausnahme Frankreich) Rückgangstendenzen festzustellen, teilweise in beträchtlichem Ausmaß.

Doch wie immer der generelle Trend beschaffen ist bzw. gedeutet wird : Er ist nicht ohne Gegentendenzen. Es wird Bindung angestrebt, Wertorientierungen haben Konjunktur, Nachdenklichkeit wird gesucht, philosophische Praxen und Seminare erfreuen sich steigender Nachfrage. Gleichzeitig wird angesichts des durch Tempo und Beschleunigung von Ereignissen und Wahrnehmungen unverkennbar bedingten „Verschwindens der Gegenwart“ (Christian Meier) einerseits nach Innehalten, Stille und „Langsamkeit“, andererseits nach „Heimat in der Vergangenheit“ gesucht. Die Formel „Zukunft braucht Herkunft“ (Odo Marquard) ist fast schon zu einem Gemeinplatz historisch-kultureller Reflexion geworden.

Freimaurerei, die sich seit jeher nicht nur als horizontales Netzwerk der Gesellschaft, sondern auch als (symbolische) Brücke zwischen (weitester) Vergangenheit und Zukunft verstanden hat (Lessing: „Freimaurerei war immer“), findet so Entwicklungsbedingungen, die trotz der skizzierten Schwierigkeiten nicht generell als negativ einzuschätzen sind.

Entscheidend für seine Zukunft wird sein, ob es der Freimaurerbund versteht, sein vielfältiges kulturelles und soziales Kapital einzusetzen, bewährte Traditionen zu bewahren und zugleich für Innovationen aufgeschlossen zu sein. Dazu gehören Offenheit für und Neugier auf den Kontakt zu Menschen, das Angebot von und der Mut zu menschlicher Begegnung im Freundschaftsbund Loge. Dazu gehört eine Ritualpraxis, die den Reichtum alter Formen bewahrt, sich aber auch von überflüssigem und verunklarendem Zierrat trennt und die „archaischen Ritualkerne“ der gültig bleibenden Thematisierung des Verhältnisses Mensch – Mitmensch, Mensch – Kosmos und Immanenz – Transzendenz im Mittelpunkt hält. Und dazu gehört schließlich auch, sich – ohne Überforderung eigener Möglichkeiten – an den wichtigen Diskursen der Gegenwart zu beteiligen. Viele davon haben Beziehungen zur freimaurerischen Tradition, mögen sie auf die Weiterentwicklung der Aufklärung im Sinne einer „reflexiven Aufklärung“ (Helmut Reinalter), auf die Ethosproblematik („Weltethos“ war auch immer schon ein freimaurerisches Projekt), auf die Aneignung und Umsetzung von Werten („Einübungsethik“ ist eine alte freimaurerische Tugend) beziehen oder auf die Reflexionen über Lebenskunst.

Freimaurerei verstand sich ja immer auch – gerade im Sinne von Lebenskunst – als eine „Königliche Kunst“, und nur als Lebenskunst ist sie in der Lage, den Herausforderungen der Moderne standzuhalten. Doch Kunst hat mit Können zu tun, und Können wiederum – und hier schließt sich der Kreis – erfordert Identität.Der Autor, Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, lehrt Sozialwissenschaften in Köln und Bremen. Er ist Alt- und Ehrenstuhlmeister der Kölner Loge „Ver Sacrum“ und nach Leitungsämtern in der Großloge gegenwärtig Vorsitzender (Meister) der Forschungsloge „Quatuor Coronati“, Bayreuth.

 

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