![]() |
Forschungsgrupe Alpina Pl. Chauderon 3 - CH -1003 LAUSANNE |
|
Telefon (41) 21 323 66 55 - Fax (41) 21 323 67 77 - e-mail : gra@freemasonry.ch |
|
Freimaurerische
Identität Hans-Hermann Höhmann Als Kernaufgabe des
Freimaurerbundes in der Gegenwartsgesellschaft kann die Suche nach einer
unverwechselbaren, kraftvollen freimaurerischen Identität verstanden
werden. Hinter dieser Feststellung steht die teils gefühlte,
teils bewusst gemachte Einsicht, dass Freimaurerei ohne Wissen
darum, was sie ist und sein kann, sowie ohne immer neue Versuche, den
Möglichkeiten der Freimaurerei durch Wirken innerhalb der Logen und
nach außen, d.h. in die Gesellschaft hinein, gerecht zu werden,
auf Dauer nicht bestehen kann. Meistens beruft sich die Freimaurerei auf
ihre Geschichte, wobei das aus heutiger Sicht Positive der Vergangenheit,
insbesondere der um die Begriffe Menschlichkeit, Brüderlichkeit und
Toleranz kreisende Wertekanon des Bundes, in aller Regel in den Vordergrund
gerückt wird, während negative und diffuse Erscheinungsbilder
verschwiegen oder verdrängt werden. Ein ethischer Bund, der sich
selbst ernst nimmt und der von der Gesellschaft ernstgenommen werden will,
darf jedoch nicht so verfahren. Er muss sich Gedanken über sich selbst
machen und sich in seiner Selbstreflexion von den hohen Maßstäben
leiten lassen, die er für sich selbst beansprucht, kurz : er muss
sich auf die Tragfähigkeit seiner Identität in Konzeption und
Wirklichkeit befragen lassen. Einige Überlegungen
zur freimaurerischen Identität sollen im folgenden zur Diskussion
gestellt werden. Nach Identität
als einem selbstbewussten Einssein mit sich selber kann sowohl für
den einzel-nen Freimaurer als auch für die verschiedenen freimaurerischen
Gruppen (Logen, Großloge, Leitungs-gremien etc.) gefragt werden.
Was zunächst die individuelle freimaurerische Identi-tät betrifft,
so hat ein Freimaurer als Maurer (by his tenure, wie
die Alten Pflichten sagen) unabhängig von seinen indivi-duellen Wertvorstellungen
und seinem spezifischen Selbstverständnis als Mensch, Mann, Berufstätiger,
gläubiger oder nichtgläubiger Mensch etc. dann Identität,
wenn er überzeugend, fundiert, redlich und erkennbar hinter seinen
freimaureri-schen Vorstellungen steht und wenn sich seine freimaurerischen
Auffassungen auch im Alltag bewähren. Je größer die Zahl
der Brüder mit überzeugender freimaurerischer Identität
ist, desto besser lassen sich die Gegenwarts- und Zukunfts-aufgaben des
Bundes lösen. Wir alle müssen uns folglich um diese individuelle
maurerische Identität bemühen, auch wenn wir immer wieder scheitern
und der Rauhe Stein ein treffliches Symbol für
uns bleibt. Über die Werkzeuge zur Identitätsfindung verfügen
wir in reichen Maß, sei es die tolerante Mitmenschlichkeit in der
Loge, sei es der kritisch-selbstkritische Diskurs der Brüder, sei
es das Ritual, in dem es ja im Grunde um nichts anderes geht als um Bestimmung,
Ein-übung und Verinnerlichung von Identität. Unter freimaurerischer
Gruppenidentität sollen Selbstverständnis und Ausdruck, Konzeptio-nen
und Weisen ihrer Umsetzung verstanden werden, wie sie für eine Gruppe
von Freimau-rern (Logen, Großloge) in einer bestimmten Zeit an einem
bestimmten Ort kennzeichnend sind. Wie bei den ein-zelnen Freimaurern
gibt es bei freimaurerischen Gruppen solche mit einer starken und solche
mit einer schwachen Identität. Die Identität freimaureri-scher
Gruppen setzt sich jeweils aus zwei Komponenten zusammen: aus inhaltlichen
Elementen wie Zielvorstellungen und Formen (Organisation, Brauchtum und
Rituale) sowie aus der Art und Weise, wie diese inhaltlichen Elemente
in der Gruppenpraxis umgesetzt werden, d.h. aus der Qualität des
Gruppenprozesses. Hier sind menschliche Atmosphäre, in-tellektuelle
und emotionale Lebendigkeit, Einsatzbereitschaft, Teamfähigkeit,
Diskursqualität, Ausstrahlung (Charisma) etc. wichtige Stichworte.
Beides, Inhalte und
Gruppenqualität, muss zusammenkommen. Eine schwache Gruppenidentität
(und damit unzureichende Wirkung nach innen und außen) liegt dann
vor, wenn sich verschwommene Inhalte mit mäßiger oder keiner
Ausstrahlung verbinden; eine starke Gruppenidentität und in-tensive
Wirkung nach innen und außen kann dagegen da angenommen werden,
wo klare Inhalte und überzeugende Umsetzung vorhanden sind. In der
freimaurerischen Diskussion wird im allgemeinen die Notwendigkeit betont,
an der Profilierung der konzeptionellen Inhalte der Freimaurerei (Wertvorstellungen,
Ziele) zu arbeiten. Auch aus unserer Sicht ist es wichtig, ein konzeptionell
klares Bild des Bundes zu entwickeln. Auf der anderen Seite wäre
es gefährlich, bei der Formulierung programmatischer Plattformen
zu weit zu gehen und der Gefahr einer Ideologisierung zu erliegen. Dies
würde intellektuell aufgeschlossene Männer nur abstoßen.
Diese kommen ja gerade deshalb zur Freimaurerei, weil wir bei aller Wertgebundenheit
geistig offen sind. Wer als geistig offener Mann Kontakt zur Freimaurerei
sucht, ist wohl eher an toleranten Such- und Orientierungsprozessen als
an verbindlich vorgegebenen Positionen interessiert. Daher ist es so wichtig,
jedem Fundamentalismus (auch dem gelegentlich bei uns sichtbar werdenden
esoterischen) abzusagen, die Gruppenqualität der Freimau-rerei zu
verbessern sowie dafür zu sorgen, dass inhaltliche Abklärungen
auf jedes dogmatische Ausformulieren verzichten und sich mit einem hohen
menschlichen Niveau sowie mit intellek-tueller Redlichkeit verbinden.
Zur inhaltlichen
Bestimmung freimaurerischer Identität wurden von mir einige Eckpunkte
herausgearbeitet, die mittlerweile ihren Weg durch die deutsche Bruder-schaft
gemacht haben und gern (mit oder ohne Nennung ihrer Herkunft) verwendet
werden. Auch die Großloge der Alten, Freien und Angenommenen Maurer
von Deutschland (GL AfuAMvD) macht inzwischen auf ihrer Webseite inzwischen
von ihnen Gebrauch. Mir ging es dabei darum, Anhaltspunkte dafür bestimmen, was Freimaurerei ist, und was sie nicht ist, bzw. nicht sein will. Die einzelnen Charakterisierungen reichen für eine Beschreibung des freimaurerischen Selbstverständnisses
selbstverständlich nicht aus. Sie mögen aber dazu geeignet sein,
nach innen und außen klarer zu machen, durch welche unterschiedlichen
Erscheinungsweisen und Strukturelemente der Freimaurerbund gekennzeichnet
ist und welchen Fehlbeurteilungen und Vorurteilen er ausgesetzt ist. Was Freimaurerei
ist, lässt sich annäherungsweise so beschreiben : Freimaurerei ist ein Freundschaftsbund : Über alle weltanschaulichen,
politischen, nationalen und sozialen Grenzen hinweg wollen die Logen Menschen
miteinander verbinden, die sich nach Herkunft und Interessenlage sonst
nicht begegnen würden. Die Freimaurerlogen folgen damit ihrer alten
Tradition, Trennendes zu überwinden, Gegensätze abzubauen, Verständigung,
Verständnis und Freundschaft fördern sowie der Gefahr einer
Isolierung der einzelnen Menschen in der modernen Arbeits- und Freizeitwelt
entgegenzuwirken. Durch Offenheit für den Mitmenschen und seine Probleme
will der Freimaurerbund nicht nur der Lebensgestaltung seiner Mitglieder
dienen, sondern auch ein Modell für Partnerschaft in der Gesellschaft
außerhalb der Logen bieten. Dass Freimaurerei bis heute in der Regel
ein Männerbund ist wenn es auch immer mehr Logen freimaurerisch
arbeitender Frauen gibt , ist auf die männerbündische
Tradition der Freimaurerei zurückzuführen, soll Homogenität
und Identität der Logengruppe festigen und hat keinerlei diskriminierenden
Charakter gegenüber Frauen. Auch präsentiert sich Freimaurerei
in ihrer heutigen Praxis bewusst als offener Männerbund,
der Partnerin, Familie und Freunde weitgehend in das Gemeinschaftsleben
der Logen einbezieht. Freimaurerei ist
ein ethisch orientierter Bund : Der Tradition der
europäischen Aufklärung folgend, bekennen sich die Freimaurer
zu moralischen Werten und Überzeugungen. Der Freimaurerbund entwickelt
zwar kein eigenes ethisches System und versucht schon gar nicht, ethische
Überzeugungen in politische Programme zu übertragen. Dennoch
gibt die Freimaurerei mit ihren alten Wertpositionen Menschlichkeit, Brüderlichkeit,
Freiheit, Gerechtigkeit und Toleranz Orientierungen und Maßstäbe
für das Denken und Handeln ihrer Mitglieder vor. Im Vergleichen von
Realität und Wertmaßstab, im gemeinsamen Nachdenken und in
kritischer Selbstaufklärung sollen Verhaltensweisen und Umgangsstile
eingeübt werden, die ein Umsetzen ethischer Überzeugungen in
die Lebenspraxis des einzelnen Freimaurers bewirken. Nichts geht über
das laut denken mit einem Freunde - auf diese Formel
hat der Freimaurer Lessing eine der zentralen Grundüberzeugungen
der Freimaurerei gebracht. Freimaurerei ist
Initiationsgemeinschaft und symbolischer Werkbund : Zur Festigung der
zwischenmenschlichen Bindungen, zur gefühlsmäßigen Vertiefung
ethischer Überzeugungen und als Anleitung zur Selbsterkenntnis bedienen
sich die Logen alter, aus der Tradition der europäischen Dombau-hütten
stammender Symbole und symbolhafter Handlungen (Rituale), in deren Mittelpunkt
die feierliche Aufnahme (Initiation) des neuen Mitglieds in die brüderliche
Gemeinschaft steht. Die Entzauberung der Welt durch
technischen Fortschritt und gesellschaftlichen Wandel sowie die hiervon
geprägte Unrast des Alltagslebens bedürfen eines Gegengewichts
in Form von Nachdenklichkeit, Ruhe und Gelegenheit zum Sammeln neuer Kräfte.
Frei-maurer verschließen sich nicht den modernen Lebens- und Arbeitsformen,
zu deren Vermenschlichung sie beitragen wollen. Sie sehen aber in der
tätigen Daseinsbewältigung nur eine Seite menschlicher Existenz,
die der emotio-nalen Ergänzung bedarf. Im freimaurerischen Brauchtum
wird diese Ergänzung vermittelt. Die Zugänge
des einzelnen Freimaurers zu Symbolen und Ritualen können durchaus
unterschiedlich sein: Diesen mag vor allem die kontemplative Seite des
Brauchtums ansprechen, das Ruhe-Finden, das Zu-sich-Kommen. Jener mag
in erster Linie vom esoterischen Gehalt des Brauchtums angezogen werden,
vom behutsamen Ansprechen der Beziehungen Mensch-Welt, Mensch-Kosmos,
Immanenz-Transzendenz. Ein anderer wiederum schätzt vor allem die
ethisch-erzieherische Qualität des Rituals: tauglicher zu werden
als moralischer Baustein in seiner ganz konkreten Lebenswelt. Daraus folgt,
dass auch im Umgang mit Symbolen und Brauchtum Offenheit
eine zentrale Kategorie der Freimaurerei ist. Die genannten drei
konstitutiven Grundelemente der Freimaurerei erfassen gleichermaßen
die soziale, intellektuelle, moralische und emotionale Seite des Menschen.
Sie können allerdings nur dann nach innen wie nach außen wirksam
werden, wenn zwischen ihnen ein ausreichendes Maß an Gleichgewicht
und Gleichklang herrscht, d.h. wenn kein Element überbetont oder
vernachlässigt wird. Wo das Gewicht zu sehr auf bloße soziale
Kommunikation, auf Gesellschaftsleben gelegt wird, droht Abgleiten
in Vereinsmeierei und Event-Geselligkeit. Wo die Diskussion
um Prinzipien oder gar die Suche nach Programmen im Vordergrund steht,
wird aus der Loge ein menschlich steriler und bald zerstrittener Debattierklub.
Wo der Akzent überwiegend auf das Ritual gesetzt wird, besteht die
Gefahr, sich in eine esoterische Sekte zu verwandeln. Um Fehleinschätzungen
und Vorurteilen entgegenzuwirken können die gleichzeitig erforderlichen
Abgrenzungen (Freimaurerei ist nicht) wie folgt bestimmt werden: Freimaurerei ist
weder Partei noch Interessenverband : Logen und Großlogen
formulieren keine politischen Programme, nehmen nicht Teil an parteipolitischen
Auseinandersetzungen und vertreten nicht die Interessen bestimmter gesellschaftlicher
Gruppen. Dennoch hat die Freimaurerei eine politische Wirkung : Als Gemeinschaft
toleranter Ungleichgesinnter leistet sie einen Beitrag zur Überwindung
der schädlichen Auswirkungen politischer Konflikte zwischen Menschen,
politischen Grup-pen und Nationen, gemäß ihres Bekenntnisses
zur Toleranz hilft sie, die politische Kultur um Sinne einer streitbaren
Gesprächsfähigkeit zu verbessern, und durch das Erörtern
wichtiger Zeitfragen in den Logen trägt sie zur politischen Urteilsbil-dung
ihrer Mitglieder bei. Auf der Grundlage persönlicher Überzeugung
verantwortlich zu handeln ist dann Aufgabe des einzelnen Freimaurers. Freimaurerei ist
weder Nebenkirche noch Ersatzreligion : Als diesseitsorientierte
Freundschaftsbünde mit primär ethischer Zielsetzung sind Logen
und Großlogen keine Religionsge-meinschaften und bieten folg-lich
auch keine Ersatzreligionen an. Die Freimaurerei entwickelt keine Theologie
und kennt keine Dogmen sowie Sakramente. Allerdings verwenden die Freimaurer
Symbole, die dem religiösen Bereich entlehnt sind, wie z.B. das Symbol
Großer Baumeister aller Welten. Dieses Symbol
verkör-pert jedoch keinen eigenen freimau-rerischen Gottesbegriff,
den es nicht gibt. Es begründet - wie gelegentlich missverstanden
wird - auch keine relativierenden religiösen Minimalanforderung an
den Freimaurer. Es ist vielmehr Ausdruck der Überzeugung, dass moralisches
Handeln die Anerkennung eines überge-ordneten sinngebenden Prinzips
voraussetzt, eines höheren Seins, eines supreme being,
das Verantwortung begründet und auf das die Ethik des Freimaurers
letztlich rückbezogen ist. Als umfas-sendes Symbol für Lebenssinn
und transzendenten Bezug des Menschen ist es vom einzelnen Freimaurer
gemäß seiner eigenen weltanschaulich-religiösen Überzeugung
ohne kritische Befragung und ohne jeden Rechtfertigungszwang zu deuten.
Der Freimaurer hat sich moralisch, nicht religiös zu verpflichten.
Freimaurerei ist
kein Geheimbund und keine Verschwörung : Der Freimaurerbund
und seine Mitglieder bekennen sich zu Demokratie und offener Gesellschaft,
zu deren Verwirklichung viele Freimaurer wesentlich beigetragen haben.
Zweck, Organisation und Vorstände von Logen und Großlogen sind
jedem Interessenten zugänglich. Viele Veranstaltungen der Freimaurer
sind heute öffentlich, und die im Auftrag der Großloge herausgegebene
Zeitschrift kann auch von Nichtmitgliedern des Bundes bezogen werden.
Die von den Freimaurern geübte Verschwiegenheit bezieht sich nur
auf einige Einzelheiten des freimaurerischen Brauchtums und ist Symbol
für den in jeder Gemeinschaft notwendigen Schutz von Freundschaft
und persönlichem Vertrauens. Mit jeder Art von Verschwörung
hat Freimaurerei nichts zu tun. Doch so wichtig wohl
überlebte Antworten auf konzeptionelle Fragen auch sind : Es muss
immer wieder betont werden, dass für eine weitere gedeihliche Entwicklung
der Freimaurerei das stete Bemühen um eine hohe Qualität der
freimaurerischen Gruppen mindestens so wichtig ist, wie die Klarheit der
Inhalte. Stets müssen wir davon aus-gehen, dass die geistigen Inhalte
der Freimaurerei und das rituelle Brauchtum in Überzeugung und Wirkung
ganz entscheidend davon abhängen, wie sie von den Freimaurern in
den Logen praktiziert werden. Wir müssen weiter feststellen, dass
ein großer Teil dessen, was Freimaurerei ausmacht (Geselligkeit,
ethische Überzeugungen) auch in anderen Gruppen zu finden ist, das
heißt, man sucht es bei uns nur dann, wenn wir in der Praxis der
freimaurerischen Gruppen besonders überzeugend sind. Wir sollten
darüber hinaus anerkennen, dass selbst das, was spezifisch freimaurerisch
ist (vor allem das Ritual), nur überzeugt, wenn es von Freiheit im
Zugang und hoher menschlicher Qualität begleitet ist. Schließlich
muss beachtet werden, dass die Freimaurerei heutzutage in einer schwierigen
Konkurrenz zu einer Fülle von (hochwertigen und weniger hochwertigen,
aber dennoch attraktiven) Freizeitangeboten steht, in der wir wiederum
nur durch Qualität und Originalität bestehen können. All das bedeutet,
dass wir als Logen und Großlogen keineswegs durch Freimaurerei
an sich ausstrahlungskräftig sind, sondern nur durch eine
glaubwürdige Umsetzung von Freimaurerei, wozu nicht zuletzt eine
überzeugende freimaurerische Individual- und Gruppenidentität
gehört. Deshalb müssen wir auf vielen Ebenen arbeiten: an der
Qualität unserer Konzepte, an der Qualität der freimaurerischen
Gruppen und immer wieder an unserer ganz persönlichen freimaurerischen
Integrität und Überzeugungskraft. Gewiss, die vielfältigen
gesellschaftlichen und kulturellen Wandlungsprozesse der Moderne sowie
die daraus hervorgegangenen realen Strukturen der gegenwärtigen Gesellschaft
machen der Freimaurerei zu schaffen. Einerlei, welchem der gegenwärtig
diskutierten Gesellschaftsmodelle der Vorzug eingeräumt wird, und
unabhängig davon, ob sie als Ausdruck der Moderne, einer anderen
Moderne (Wilhelm Schmid) oder der Postmoderne gedeutet
werden, unverkennbar ist, dass (so der englische Soziologe Anthony
Giddens) , die neuen Lebensformen den Menschen in beispielloser
Weise von allen traditionellen Typen der sozialen Ordnung fortgerissen
haben und sich die mit der Moderne einhergehenden Umgestaltungen auf ihn
viel tiefer ausgewirkt haben als die meisten der für frühere
Perioden charakteristischen Arten des Wandels. Abnehmende Bindungswilligkeit
ist eine Konsequenz davon. Das freimaurerische Selbstverständnis
versteht die Loge jedoch als Lebensbund und strebt soziale Bindung zumindest
auf längere Dauer an. In den modernen westlichen Gesellschaften scheint
jedoch das Niveau des Engagements der Bürger in formellen Vereinigungen
tendenziell abzunehmen. Ob hieraus auf einen generellen Rückgang
sozialer Bindungsfähigkeit geschlossen werden kann oder ob sich lediglich
die Formen und Zeitspannen sozialer Einbindung verändern, ist beim
gegenwärtigen Stand der sich mit solchen Fragen beschäftigenden
Sozialkapitalforschung noch nicht entscheidbar. Jedenfalls scheint evident,
dass die formellen Mitgliederzahlen nicht nur für Parteien, Gewerkschaften
und Sportvereine rückläufig sind, sondern auch für die
Kirchen und andere (traditionelle) religiöse Vereinigungen sowie
für die ethisch orientierten Bünde. Auch in der deutschen Freimaurerei
sind die Mitgliederzahlen in den letzten Jahrzehnten eher zurückgegangen,
und auch international sind (mit der Ausnahme Frankreich) Rückgangstendenzen
festzustellen, teilweise in beträchtlichem Ausmaß. Doch wie immer der generelle Trend beschaffen ist bzw. gedeutet wird : Er ist nicht ohne Gegentendenzen. Es wird Bindung angestrebt, Wertorientierungen haben Konjunktur, Nachdenklichkeit wird gesucht, philosophische Praxen und Seminare erfreuen sich steigender Nachfrage. Gleichzeitig wird angesichts des durch Tempo und Beschleunigung von Ereignissen und Wahrnehmungen unverkennbar bedingten Verschwindens der Gegenwart (Christian Meier) einerseits nach Innehalten, Stille und Langsamkeit, andererseits nach Heimat in der Vergangenheit gesucht. Die Formel Zukunft braucht Herkunft (Odo Marquard) ist fast schon zu einem Gemeinplatz historisch-kultureller Reflexion geworden. Freimaurerei, die
sich seit jeher nicht nur als horizontales Netzwerk der Gesellschaft,
sondern auch als (symbolische) Brücke zwischen (weitester) Vergangenheit
und Zukunft verstanden hat (Lessing: Freimaurerei war immer),
findet so Entwicklungsbedingungen, die trotz der skizzierten Schwierigkeiten
nicht generell als negativ einzuschätzen sind. Entscheidend für
seine Zukunft wird sein, ob es der Freimaurerbund versteht, sein vielfältiges
kulturelles und soziales Kapital einzusetzen, bewährte Traditionen
zu bewahren und zugleich für Innovationen aufgeschlossen zu sein.
Dazu gehören Offenheit für und Neugier auf den Kontakt zu Menschen,
das Angebot von und der Mut zu menschlicher Begegnung im Freundschaftsbund
Loge. Dazu gehört eine Ritualpraxis, die den Reichtum alter Formen
bewahrt, sich aber auch von überflüssigem und verunklarendem
Zierrat trennt und die archaischen Ritualkerne der gültig
bleibenden Thematisierung des Verhältnisses Mensch Mitmensch,
Mensch Kosmos und Immanenz Transzendenz im Mittelpunkt hält.
Und dazu gehört schließlich auch, sich ohne Überforderung
eigener Möglichkeiten an den wichtigen Diskursen der Gegenwart
zu beteiligen. Viele davon haben Beziehungen zur freimaurerischen Tradition,
mögen sie auf die Weiterentwicklung der Aufklärung im Sinne
einer reflexiven Aufklärung (Helmut Reinalter), auf die
Ethosproblematik (Weltethos war auch immer schon ein freimaurerisches
Projekt), auf die Aneignung und Umsetzung von Werten (Einübungsethik
ist eine alte freimaurerische Tugend) beziehen oder auf die Reflexionen
über Lebenskunst. Freimaurerei verstand sich ja immer auch gerade im Sinne von Lebenskunst als eine Königliche Kunst, und nur als Lebenskunst ist sie in der Lage, den Herausforderungen der Moderne standzuhalten. Doch Kunst hat mit Können zu tun, und Können wiederum und hier schließt sich der Kreis erfordert Identität.Der Autor, Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann, lehrt Sozialwissenschaften in Köln und Bremen. Er ist Alt- und Ehrenstuhlmeister der Kölner Loge Ver Sacrum und nach Leitungsämtern in der Großloge gegenwärtig Vorsitzender (Meister) der Forschungsloge Quatuor Coronati, Bayreuth. |
|
"Brüder Meister", für
einen Beitrag von CHF 50 / 35 E jährlich laden wir euch ein, korrespondierendes
Mitglied der F.G.A. zu werden. Setzt euch in Verbindung mit:
|